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Widukind

(von Holger Thiele)

Namenspatron unseres Vereins ist der aus westfälischem Adelsgeschlecht stammende Sachsenherzog Widukind, auch Wittekind genannt (nicht zu verwechseln mit dem Mönch Widukind von Corvey). Sein Leben ist untrennbar mit dem Leben des Königs der Franken und der Langobarden und späteren Kaiser Karl I. (dem Großen), verbunden. Diese beiden wichtigen Personen des späten Frühmittelalters standen sich in den „Sachsenkriegen“ (722–804) gegenüber.

Eroberung fremden Territoriums und Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung waren nichts Ungewöhnliches im Mittelalter. Dieser Aufstand, meist als „Sachsenkriege“ bezeichnet, hatte jedoch eine neue Qualität und sollte für die weitere europäische und z. T. Weltgeschichte richtungbestimmend sein. Erstmals wurde mit einem Eroberungszug eine gewaltsame Christianisierung verbunden. Bis dato erfolgte die Christianisierung friedlich durch Missionare, jetzt wurde ein Präzedenzfall geschaffen, der mit dazu beitrug, daß eine ideologische Grundlage für spätere Eroberungen, z. B. die Lateinamerikas durch die Spanier, geschaffen werden konnte.

Hatten frühere Eroberungen meist keine wesentlichen religiösen Auswirkungen, so war das diesmal anders. Im Sommer 772 wurde Sachsen nicht nur erstmals erobert, sondern es wurden auch gezielt religiöse Heiligtümer der Sachsen zerstört. Mit der Christianisierung waren grundlegende gesellschaftliche, kulturelle und politische Veränderungen für die Unterworfenen verbunden. Grundlage der sächsisch-heidnischen Gesellschaft war das Thing. Hier waren alle freien und waffentragenden Männer stimm- und redeberechtigt. Die Adligen hatten nur indirekt einen größeren Einfluß und waren an Thingbeschlüsse wie alle anderen gebunden. Anführer wurden für Kriegszeiten gewählt, in denen sie unumschränkte Herrscher über Leben und Tod waren, mußten sich aber danach in Friedenszeiten für ihre Taten vor dem Thing verantworten. Unter der fränkisch-christlichen Herrschaft war dies anders: Das Thing hatte keine Bedeutung mehr, der Adel wurde zu Grafen ernannt und hatte als königliche Dienstmannen auch in Friedenszeiten die Macht und war nur dem König rechenschaftspflichtig. Dieser Verlockung konnten die meisten sächsischen Adligen nicht widerstehen, in der Hoffnung auf teilhabe an Macht und Beute des expandierenden fränkischen Reiches traten sie daher schon ziemlich früh zum Christentum über und unterwarfen sich Karl.

Die übergelaufenen Adligen gehörten also zu den Gewinnern der neuen Verhältnisse, während die freien Bauern die Verlierer waren und deshalb die wesentlichen Träger der Aufstände waren. Normalerweise war es die alte Führungssicht, die mehr zu verlieren hatte. Ein Beispiel hierfür wäre die Entmachtung des alten sächsischen Adels nach der Eroberung Englands durch die Normannen 1066.

Hier liegen die Ursachen für den erbitterten Widerstand der Sachsen, und hier ist auch das Besondere von Widukind dem Sachsenherzog: Anders als die meisten anderen Adligen seines Stammes ließ er sein Volk nicht im Stich, wollte nicht die sich ihm persönlich bietenden Vorteile der neuen Ordnung nutzen.

Bei denen der Eroberung von 772 folgenden Aufständen war Widukind der führende Kopf. Als 777 auf dem Reichstag von Paderborn viele Sachsen zwangsgetauft wurden, wesentliche Teile des Adels waren schon vorher getauft, blieb Widukind diesem fern. Widukind entfachte immer neue Aufstände, Karl schlug sie nieder, die Sachsen erhoben sich unter Widukind aufs neue. 781 drang Karl bis zur Unstrut und Saale vor, eroberte Westfalen und Engern und zwang Widukind zur Flucht nach Dänemark. Auf dem Reichstag zu Lippspringe 782 erkannten die meisten noch verbliebenen Adligen die Frankenherrschaft an und wurden zur Belohnung zu Grafen ernannt, während Widukind den Kampf noch nicht aufgab. Im gleichen Jahr wurden in Verden an der Aller ca. 4500 Sachsen ermordet - „Blutgericht zu Verden“ – und Karl verdiente sich einen weiteren, nicht ganz unumstrittenen, Beinamen: „Karl der Sachsenschlächter“. 783 wurden die Sachsen unter Widukind bei Detmold sowie an der Haase endgültig geschlagen, Widukind muß 785 die fränkische Herrschaft anerkennen und wird 785 zu Attigny getauft. Über sein weiteres Leben gibt es keine genauen Angaben. Möglich ist, daß er ein Lehen erhalten hat oder ein Klosteraufenthalt wäre auch nicht auszuschließen. Vermutlich stirbt er um 807.

In den Jahren von 785 bis 804 erfolgten noch einige sächsische Erhebungen, die jedoch die schon gefestigte Frankenherrschaft nicht mehr ernsthaft erschüttern konnten.

Ausführlicheres zu diesem Thema ist z. B. in folgender Literatur bzw. Quellen zu finden:

Hartmann, Gerhard; Schnith, Karl (Hrsg.): Die Kaiser. 1200 Jahre europäische Geschichte, Wiesbaden 2006

Wienecke-Janz, Detlef (Projektleiter): Die große Chronik Weltgeschichte Bd. 7. Vom Niedergang Roms zum Zeitalter der Karolinger 313–800, Gütersloh / München 2008

Giesebrecht, Wilhelm v.: Geschichte des deutschen Kaisertums Bd. 1 Gründung des Kaisertums, o. O, o. J. Neuauflage des Mundus Verlag von 2000

Die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey in drei Büchern, in: Rotter, Ekkehart; Schneidmüller, Bernd (Hrsg.): Widukind von Corvey. Die Sachsengeschichte, Stuttgart 1981

Verschiedene Quellen in: Rau, Reinhold (Hrsg.): Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, Erster Teil, neu bearb., Darmstadt 1955

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  Zuletzt geändert am 22 Juli 2012 13:26 Uhr  
   
   
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